Ursula Michalak – Demenz geht uns alle an.

Text: Ursula Michalak

Ursula Michalak auf dem CDU-Parteitag in Lübeck

Ursula Michalak

Fast 50 Zuhörerinnen und Zuhörer waren zum Vortrag bei der Senioren Union Bad Segeberg gekommen und erfuhren durch Herrn Swen Staack, dem Leiter des Kompetenzzentrumszentrums Demenz Norderstedt viele interessante Aspekte.

Wörtlich übersetzt aus dem Lateinischen bedeutet „Demenz“ weg vom Verstand, weg vom Denkvermögen. Demenz ist ein Krankheitsbild, hinter dem sich eine Reihe von verschiedenen Krankheiten versteckt mit fortschreitender Gedächtnisstörung und Beeinträchtigung der emotionalen Kontrolle.

Das Neu (=Kurzzeit-) – Alt (=Langzeit-)Gedächtnis ist deutlich beeinträchtigt.

Es treten folgende Störungen auf:

– Abnahme der Urteilsfähigkeit und des Denkvermögens

– Sprachstörungen (Aphasie)

– Störungen des Erkennens (Agnonie)

– Störungen von Handlungsabläufen und dem sinnvollen Gebrauch von

Gegenständen (Apraxie); z. B. Zähneputzen mit einer Gabel oder vorm vollen Teller

verhungern, weil man mit dem Teller nichts anzufangen weiß;

Zuerst verschwindet das Kurzzeitgedächtnis, das Langzeitgedächtnis funktioniert noch lange relativ gut.

Man kann sich das etwa so vorstellen: Jeder hat eine persönliche Lebensbibliothek. Bei Demenz fallen die Bücher aus dem Regal, zuerst die Erinnerungsbücher an die Enkel, die Schulfreunde später.

Es gibt ca. 1,4 Millionen Demenzkranke in der Bundesrepublik, in Schleswig-Holstein 55000. Bis 2030 wird es eine Zunahme um 40% geben durch Verschiebung der Alterspyramide.

Wir werden älter:

300000 Neuerkrankungen pro Jahr

40000 zusätzlich = ca. 100 pro Tag

6-7% der Menschen über 65 Jahre haben mittelschwere und schwere Demenz, über 90 Jahre jede/r Dritte. Das Erkrankungsrisiko steigt mit dem Alter.

Es gibt kein Medikament dagegen, es sind einige in der Erprobungsphase, aber mindestens 5 Jahre wird es sicherlich noch dauern, zumal die Forschung immer noch in der Grundphase, in der Erkennungsphase steckt.

Für die These, dass viel trinken hilft, gibt es keine positiven Studien.

Jede 2. Frau wird daran erkranken, Männer erkranken etwas weniger.

Demenzkranke begehen ganz selten Suizid.

Gut die Hälfte der Erkrankten wird zuhause betreut 65%, davon 15% durch ambulante Dienste, 35% in Einrichtungen..

Bei 800000 Pflegeplätzen in Deutschland und 500000 Dementen, die in Einrichtungen betreut werden müssen, kann man sich die Dimensionen vorstellen.

Diagnostische Verteilung der Demenzerkrankungen:

Alzheimer macht 60% aus, vaskuläre Demenz 20% (=kleine Infarkte), Mischformen 10% und andere 10% (Creutzfeld-Jacob=BSE, Parkinson, Vitaminmangel, Infektionen (z.b. HIV), Hormonstörungen (Schilddrüse), Korsakoff (zu viel Alkohol) Chorea-Hustington (Veitstanz), Tumore).

Wichtig ist die frühzeitige Diagnostik vom Hausarzt oder nach Überweisung vom Neurologen:

Gründliche internistische Untersuchung, CT, MRT = bildgebende Verfahren, psychologische Tests, Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen, Uhrentest: eine Uhr malen und 11Uhr.10 eintragen lassen. (Ein demenzkranker wird es schon im frühen Stadium nicht mehr hinkriegen).

Es gibt auch Gedächtnissprechstunden in Gedächtnisambulanzen.

In der Anfangsphase, ca. 1 Jahr, Vorsorge treffen, Vorsorgevollmacht u.a.m.

In der Anfangsphase mögliche Chancen einer medikamentösen Therapie nutzen, ca. 1 Jahr, bei mittlerer und schwerer Demenz helfen keine Medikamente.

Im Frühstadium ist mit Antidementiva schon ein Stillstand ein Erfolg.

Warum gibt es keine Medikamente?

Stoffwechselprozesse in der Zelle sind schwierig zu erforschen, Ursachen zu finden dafür gibt es keine einfache Antwort.

Antidrepressiva gegen Depression, Neuroleptika gegen Ängste und Aggressionen, Nootropika für Hirnleistungsfähigkeit/bessere Durchblutung.

Gingko ??? Dafür gibt es 20 Studien, eine (vom Hersteller) besagt, es hilft. Zumindest schadet es nicht.

Nichtmedikamentöse Behandlung durch:

  • Milieutherapie
  • Musiktherapie (was tief im Gedächtnis steckt, ist noch erreichbar)
  • Ergotherapie
  • Basale Stimulation
  • SET (Selbsterhaltungstherapie) gibt es kaum noch
  • Kunsttherapie
  • 10 Minuten-Aktivierung: Kästen mit verschieden Themen, z. B. Strand (Sand, Muscheln…)
  • Validation: Sprichwörter, Gedichte
  • a.m.

Leider gibt es auch viel Humbug, weil der Markt boomt.

Symptome am Beispiel der Alzheimer Krankheit:

  1. Stadium: leichtgradig, oft kaum bemerkt, komplexe Tätigkeit eingeschränkt, Gedächtnisspeicher im Kurzzeitgedächtnis gestört, Sprache – Wortfindung/Ausdruck gestört
  2. Stadium: ausgeprägtere Symptome, Vergessen von Namen, Alltagsfunktionen eingeschränkt, Anziehen, Bad, Toilette, örtliche Orientierung, Verirren außerhalb der Wohnung, Zimmer in der Wohnung: Vergangenheit und Gegenwart nicht einzuordnen, verlorenes Zeitgefühl.
  3. Stadium: selbständige Lebensführung aufgehoben, keine Speicherung von Informationen mehr, Sprache nur noch wenig Wörter, Angehörige werden nicht erkannt, Probleme beim Essen, Schluckstörungen, Körperliche Symptome: kleinschrittiges gehen z.B., Gefahr von Stürzen,- das ist insofern gefährlich, weil demenzkranke das nicht mitkriegen, z. B. keine Erinnerung an einen gebrochenen Arm, sie machen ihren Gips ab; verändertes sexuelles Verhalten, Inkontinenz.

Endstadium: völliger Verfall der geistigen und körperlichen Kräfte, bettlägerig, Kontraktionen, Gefahr von Infektionen, häufigste Todesursache Lungenentzündung.

Man stirbt nicht an Demenz.

Durchschnittlicher Verlauf der Alzheimer Krankheit ca. 8 Jahre ab dem ersten Bemerken der Symptome. (Längste Dokumentation 24 Jahre)

Demenzkranke

Fremdwahrnehmung                                           Selbstwahrnehmung

alt                                                                         jung

vergesslich                                                            leistungsfähig

hilflos                                                                     selbständig

gebrechlich                                                           gesund

leidend                                                                  unauffällig

 

Was können wir tun?

Nicht schimpfen, keine Vorwürfe, ein Dementer merkt nicht, wenn er etwas falsch macht.

Demente Menschen brauchen Anleitung: also etwas vormachen, sich gegenübersetzen, nett anstoßen, ihnen etwas in die Hand geben.

Prävention:

Wichtig ist ein therapeutische Gesamtkonzept, keine unnötigen Medikamente, regelmäßig zum Arzt gehen, vernünftige Ernährung, genug trinken; hoher Bildungsstand und geben ein besseres Ausgangsniveau, aber keine Schutz;

geistige Beschäftigung, etwas Neues machen, z.B. eine neue Sprache lernen. Vielleicht hochdosiertes Vitamin A,B,C nehmen. Und Omega 3 schützt die Nervenzellen.

Gesunde Lebensweise, Bewegung, vielfältige Sozialkontakte, (nicht alt werden, rechtzeitig sterben J).

Demenz nicht verwechseln mit „normaler“ Altersvergesslichkeit: Kurzzeitgedächtnis wird schlechter, Informationen werden langsamer verarbeitet, Reaktionszeit lässt nach, Abstraktionsvermögen lässt nach, Lerngeschwindigkeit wird langsamer.

Informationen.

Kompetenzzentrum Demenz
Schleswig-Holstein
Alter Kirchenweg 33-41
22844 Norderstedt
Tel.: 040 – 609 264 20
Fax: 040 – 308 579 86
info@demenz-sh.de
www.demenz-sh.deJJ

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